Muss ich wirklich etwas verändern?

Wenn der bisherige Beruf nicht mehr richtig passt

Nicht jede Unzufriedenheit im Beruf bedeutet, dass man sofort kündigen oder etwas völlig Neues anfangen sollte.

Es gibt anstrengende Wochen. Schwierige Kollegen. Veränderungen im Unternehmen. Phasen, in denen die Motivation geringer ist. Und manchmal braucht es schlicht Urlaub.

Aber es gibt auch dieses andere Gefühl:

Eigentlich passt es schon länger nicht mehr.

Vielleicht ist die Arbeit körperlich zu belastend geworden.

Vielleicht stimmen Arbeitszeiten und Lebenssituation nicht mehr überein.

Vielleicht hat sich der Beruf verändert.

Vielleicht sind die eigenen Interessen heute andere als vor zehn oder zwanzig Jahren.

Oder es gibt gar keinen einzelnen konkreten Grund.

Nur zunehmend die Frage:

Soll das beruflich wirklich so weitergehen?

Diese Frage ist noch keine Entscheidung.

Aber sie kann ein guter Anlass sein, genauer hinzuschauen.

Berufliche Veränderung muss nicht mit einer Kündigung beginnen

Wer über berufliche Neuorientierung nachdenkt, hat manchmal sofort sehr große Veränderungen vor Augen:

Kündigen. Umschulen. Noch einmal eine Ausbildung beginnen. Einen völlig neuen Beruf erlernen.

Das kann notwendig oder sinnvoll sein.

Es muss aber nicht der erste Schritt sein.

Berufliche Neuorientierung beginnt zunächst mit Orientierung.

Bevor entschieden wird, wohin es gehen soll, lohnt sich deshalb die Frage:

Was genau passt an meiner jetzigen Situation eigentlich nicht mehr?

Denn darauf können sehr unterschiedliche Antworten entstehen.

Ist es wirklich der Beruf?

Das ist eine der wichtigsten Fragen.

Vielleicht macht die eigentliche Tätigkeit weiterhin Freude – aber die Arbeitsbedingungen stimmen nicht mehr.

Vielleicht passt der Beruf, aber nicht mehr der Arbeitgeber.

Vielleicht ist Vollzeit inzwischen zu viel, während dieselbe Tätigkeit mit 25 oder 30 Stunden gut vorstellbar wäre.

Vielleicht stören Schichtdienst, Arbeitsweg oder Wochenendarbeit.

Vielleicht fehlt Entwicklung.

Oder die Arbeit ist körperlich nicht mehr dauerhaft machbar.

Dann lautet die Lösung möglicherweise nicht:

„Ich brauche einen völlig neuen Beruf.“

Sondern:

„Ich brauche andere Bedingungen.“

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Was soll bleiben?

Bei beruflicher Neuorientierung wird häufig zuerst darüber gesprochen, was weg soll.

Kein Schichtdienst mehr.

Keine schwere körperliche Arbeit.

Nicht mehr ausschließlich am Schreibtisch sitzen.

Weniger Zeitdruck.

Keine langen Arbeitswege.

Das ist wichtig.

Mindestens ebenso interessant finde ich jedoch eine andere Frage:

Was möchten Sie aus Ihrem bisherigen Berufsleben unbedingt mitnehmen?

Vielleicht den Kontakt mit Menschen.

Vielleicht selbstständiges Arbeiten.

Vielleicht die Sicherheit klarer Abläufe.

Vielleicht Kreativität.

Vielleicht praktische Tätigkeiten.

Vielleicht Verantwortung.

Vielleicht Teamarbeit.

Vielleicht gerade die Möglichkeit, weitgehend allein zu arbeiten.

Berufliche Neuorientierung bedeutet nicht zwangsläufig, alles Bisherige hinter sich zu lassen.

Häufig geht es darum, Bewährtes mit neuen Möglichkeiten zu verbinden.

Die eigene Erfahrung noch einmal neu betrachten

Nach vielen Berufsjahren erscheint das eigene Können oft selbstverständlich.

„Das habe ich eben immer gemacht.“

Gerade darin können jedoch Kompetenzen stecken, die auch in anderen Tätigkeitsfeldern interessant sind.

Wer jahrelang Kunden betreut hat, bringt möglicherweise Kommunikations- und Konflikterfahrung mit.

Wer in Produktion oder Handwerk gearbeitet hat, verfügt vielleicht über technisches Verständnis, Qualitätsbewusstsein und praktische Problemlösungskompetenz.

Wer lange im sozialen Bereich tätig war, hat möglicherweise Gesprächsführung, Organisation und Dokumentation gelernt.

Wer Familie, Beruf und vielleicht zusätzlich die Pflege von Angehörigen organisiert hat, kennt Verantwortung, Planung und Priorisierung aus einer weiteren Perspektive.

Deshalb kann eine hilfreiche Frage lauten:

Was kann ich heute, das ich am Anfang meines Berufslebens noch nicht konnte?

Die Antwort darauf steht nicht immer in einem Zeugnis.

Was möchte ich nicht mehr?

Auch diese Frage darf ausdrücklich gestellt werden.

Denn berufliche Erfahrung bedeutet nicht nur zu wissen, was man kann.

Sie bedeutet häufig auch, genauer zu wissen, unter welchen Bedingungen man nicht mehr arbeiten möchte.

Das ist kein Defizit.

Es ist Information.

Eine Liste könnte beispielsweise so aussehen:

  • keine dauerhafte Nachtarbeit
  • möglichst keine Wochenenden
  • weniger körperliche Belastung
  • maximal 30 Stunden
  • Arbeitsweg höchstens 45 Minuten
  • weiterhin Kontakt mit Menschen
  • keine Führungsverantwortung
  • verlässliche Arbeitszeiten

Plötzlich wird aus einem diffusen Veränderungswunsch ein erstes berufliches Profil.

Noch fehlt vielleicht die Berufsbezeichnung.

Aber die Richtung wird klarer.

Was brauche ich heute?

Mit 20 werden berufliche Entscheidungen unter anderen Bedingungen getroffen als mit 40, 50 oder 60.

Das ist selbstverständlich – wird bei beruflicher Neuorientierung aber manchmal vergessen.

Die Frage sollte deshalb nicht nur lauten:

„Welcher Beruf interessiert mich?“

Sondern auch:

„Welche Arbeit passt zu meinem heutigen Leben?“

Dabei können beispielsweise eine Rolle spielen:

Arbeitszeit,

Gesundheit und Belastbarkeit,

familiäre Verpflichtungen,

finanzielle Anforderungen,

Mobilität,

Wohnort,

Sicherheitsbedürfnis,

soziale Kontakte,

Entwicklungsmöglichkeiten

und persönliche Interessen.

Ein berufliches Ziel ist wenig hilfreich, wenn es dauerhaft nicht zu den eigenen Rahmenbedingungen passt.

Muss aus einem Interesse gleich ein neuer Beruf werden?

Nicht unbedingt.

Jemand arbeitet gerne mit Menschen.

Ein anderer interessiert sich für Tiere.

Jemand arbeitet gerne handwerklich.

Eine andere Person organisiert gerne.

Solche Interessen sind zunächst Hinweise – noch keine fertigen Berufsentscheidungen.

Der nächste Schritt besteht darin, genauer hinzusehen:

Was genau gefällt mir daran?

Wer beispielsweise „gerne mit Menschen arbeitet“, könnte Beratung meinen, Verkauf, Betreuung, Empfang, Anleitung, Pflege, Service oder Teamarbeit.

Wer „gerne am Computer arbeitet“, könnte damit Organisation, Gestaltung, Recherche, Zahlen, Kommunikation oder technische Aufgaben meinen.

Je genauer ein Interesse beschrieben wird, desto mehr berufliche Möglichkeiten werden sichtbar.

Ideen müssen den Realitätstest bestehen

Coaching kann Möglichkeiten öffnen.

Berufliche Beratung sollte aber auch überprüfen, ob diese Möglichkeiten tatsächlich tragfähig sind.

Deshalb gehört zur Neuorientierung irgendwann der Blick auf den Arbeitsmarkt.

Welche Stellen gibt es?

Welche Qualifikationen werden verlangt?

Welche Tätigkeiten stecken tatsächlich hinter einer Berufsbezeichnung?

Welche Arbeitszeiten sind üblich?

Wie wird bezahlt?

Ist ein direkter Quereinstieg möglich?

Brauche ich eine Weiterbildung?

Und gibt es diese Arbeitsplätze überhaupt dort, wo ich leben und arbeiten möchte?

Eine berufliche Idee wird dadurch konkreter.

Manchmal bestätigt die Recherche eine Richtung.

Manchmal zeigt sie, dass etwas angepasst werden muss.

Beides ist ein gutes Ergebnis.

Nicht sofort entscheiden – zunächst ausprobieren

Nicht jede berufliche Frage muss ausschließlich durch Nachdenken beantwortet werden.

Manche Antworten entstehen erst durch Erfahrung.

Deshalb können – abhängig von der jeweiligen Situation – beispielsweise hilfreich sein:

ein Gespräch mit jemandem aus dem Beruf,

eine Betriebsbesichtigung,

ein Praktikum,

eine Hospitation,

ein Probearbeitstag,

eine Informationsveranstaltung,

eine Weiterbildung mit Praxisanteil

oder eine gezielte Recherche konkreter Stellenanzeigen.

Die Frage verändert sich dann von:

„Könnte ich mir das vorstellen?“

zu:

„Wie fühlt sich diese Tätigkeit tatsächlich an?“

Das kann manche Entscheidung erheblich erleichtern.

Eine Neuorientierung darf auch klein sein

Berufliche Veränderung muss nicht spektakulär sein.

Vielleicht bleibt der Beruf gleich und nur der Arbeitgeber ändert sich.

Vielleicht wird aus Vollzeit Teilzeit.

Vielleicht führt ein Quereinstieg in ein benachbartes Tätigkeitsfeld.

Vielleicht ergänzt eine kurze Weiterbildung die vorhandenen Kompetenzen.

Vielleicht wird eine frühere Erfahrung wieder interessant.

Und manchmal entsteht tatsächlich etwas vollkommen Neues.

Entscheidend ist nicht die Größe der Veränderung.

Entscheidend ist, ob sie zur heutigen Situation passt.

Fünf Fragen für eine erste berufliche Standortbestimmung

Wenn Sie überlegen, ob sich beruflich etwas verändern sollte, können Sie mit diesen Fragen beginnen:

1. Was stört mich an meiner derzeitigen beruflichen Situation konkret?

2. Was davon möchte ich in einer neuen Tätigkeit nicht mehr haben?

3. Was möchte ich unbedingt behalten?

4. Welche Erfahrungen und Fähigkeiten möchte ich künftig stärker nutzen?

5. Welche Rahmenbedingungen brauche ich heute, damit Arbeit dauerhaft zu meinem Leben passt?

Sie müssen daraus noch keinen neuen Beruf ableiten.

Vielleicht entsteht zunächst nur ein klareres Bild davon, wonach Sie eigentlich suchen.

Das ist bereits ein wichtiger Schritt.

Nicht immer braucht es sofort einen Plan B

Berufliche Neuorientierung beginnt für mich nicht mit der Aufforderung:

„Sie müssen etwas Neues machen.“

Sie beginnt mit Fragen.

Was passt noch?

Was passt nicht mehr?

Was hat sich verändert?

Was ist bereits vorhanden?

Welche Möglichkeiten könnten daraus entstehen?

Und welche davon lohnt es sich, genauer anzuschauen?

Vielleicht führt diese Klärung zu einem Berufswechsel.

Vielleicht zu einem anderen Arbeitgeber.

Vielleicht zu Weiterbildung, Teilzeit oder Quereinstieg.

Und manchmal führt sie auch zu der Erkenntnis:

Eigentlich möchte ich meinen Beruf behalten – nur unter anderen Bedingungen.

Auch das ist berufliche Orientierung.

Denn eine gute Entscheidung muss nicht möglichst viel verändern.

Sie sollte möglichst gut zur eigenen Situation passen.


Sie überlegen, ob sich beruflich etwas verändern sollte?

Sie müssen noch nicht wissen, welcher Beruf oder welche Stelle es werden soll.

In einer beruflichen Standortbestimmung können wir zunächst gemeinsam betrachten, was Sie mitbringen, was sich verändern soll und welche beruflichen Möglichkeiten zu Ihrer heutigen Situation passen könnten.

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Thomas Saar-Knepper
Systemisches Coaching · Berufliche Beratung · Persönliche Begleitung