Eine kleine berufliche Standortbestimmung zum Selbermachen
„Ich weiß gerade nicht, wie es beruflich weitergehen soll.“
Diesen Satz höre ich in Beratungsgesprächen immer wieder.
Manchmal gibt es zu viele Möglichkeiten. Manchmal scheint es gar keine zu geben. Und manchmal dreht man sich mit denselben Gedanken schon seit Wochen im Kreis.
Dann liegt es nahe, sofort nach Lösungen zu suchen:
Welche Stellen gibt es? Welche Weiterbildung könnte ich machen? Welcher Beruf hat Zukunft? Wo könnte ich mich bewerben?
Das sind wichtige Fragen.
Aber möglicherweise kommen sie einen Schritt zu früh.
Bevor nach einer Lösung gesucht wird, kann es hilfreich sein, die eigene Situation genauer zu betrachten.
Die folgenden sieben Fragen können dabei helfen.
Nehmen Sie sich dafür etwas Zeit. Schreiben Sie die Antworten möglichst auf. Es geht nicht darum, sofort den perfekten beruflichen Plan zu entwickeln.
Es geht zunächst darum, klarer zu sehen.
1. Was genau soll sich verändern?
„Ich brauche einen anderen Job“ ist zunächst ein Wunsch – aber noch kein konkretes Ziel.
Interessanter wird es, wenn Sie genauer hinschauen:
Was stört Sie an Ihrer jetzigen Situation?
Ist es die Tätigkeit?
Der Arbeitgeber?
Die Arbeitszeit?
Das Einkommen?
Der Arbeitsweg?
Die körperliche Belastung?
Der Umgang im Team?
Fehlende Entwicklungsmöglichkeiten?
Oder etwas ganz anderes?
Versuchen Sie den Satz zu vervollständigen:
„Meine berufliche Situation wäre besser, wenn …“
Schreiben Sie ruhig mehrere Antworten auf.
Vielleicht stellen Sie dabei fest, dass Sie gar keinen vollkommen neuen Beruf brauchen.
Möglicherweise brauchen Sie vor allem andere Arbeitsbedingungen.
2. Was soll unbedingt bleiben?
Bei Veränderung schauen wir häufig zuerst auf das, was nicht mehr funktioniert.
Systemisch betrachtet ist mindestens ebenso interessant:
Was funktioniert bereits?
Vielleicht möchten Sie weiterhin mit Menschen arbeiten.
Vielleicht mögen Sie praktische Tätigkeiten.
Vielleicht schätzen Sie feste Strukturen.
Vielleicht arbeiten Sie gerne selbstständig.
Vielleicht möchten Sie Ihr Fachwissen weiterhin nutzen.
Vielleicht ist Ihnen ein kleines Team wichtig.
Fragen Sie sich:
„Was würde ich bei einer beruflichen Veränderung vermissen, wenn es plötzlich nicht mehr da wäre?“
Die Antwort zeigt häufig sehr deutlich, was Ihnen bei Arbeit wichtig ist.
3. Was kann ich eigentlich gut?
Diese Frage ist schwieriger, als sie klingt.
Besonders Dinge, die wir seit Jahren selbstverständlich erledigen, nehmen wir häufig nicht mehr als besondere Fähigkeit wahr.
„Das kann doch jeder.“
Stimmt das wirklich?
Denken Sie an konkrete Situationen.
Wobei fragen andere Menschen Sie um Hilfe?
Welche Aufgaben werden Ihnen häufig übertragen?
Was gelingt Ihnen meistens gut?
Welche Probleme können Sie lösen?
Was haben Sie im Laufe Ihres Berufslebens gelernt?
Dabei können fachliche Fähigkeiten ebenso wichtig sein wie beispielsweise:
Organisation,
Kommunikation,
Zuverlässigkeit,
handwerkliches Geschick,
Umgang mit Kunden,
Konfliktfähigkeit,
Dokumentation,
Improvisation,
technisches Verständnis
oder die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben.
Hilfreich kann außerdem eine Außenperspektive sein.
Fragen Sie jemanden, der Sie gut kennt:
„Was glaubst du, kann ich besonders gut?“
Die Antwort kann überraschen.
4. Wann war Arbeit für mich schon einmal richtig gut?
Das ist eine meiner bevorzugten Fragen.
Nicht:
„Was wäre Ihr idealer Beruf?“
Sondern:
„Gab es eine Situation in Ihrem bisherigen Berufsleben, in der Sie gerne gearbeitet haben?“
Vielleicht fällt Ihnen eine bestimmte Tätigkeit ein.
Ein Projekt.
Ein Arbeitgeber.
Ein Team.
Eine einzelne Aufgabe.
Oder sogar nur ein bestimmter Arbeitstag.
Schauen Sie genauer hin:
Was war damals anders?
Was haben Sie konkret gemacht?
Mit wem haben Sie gearbeitet?
Wie selbstständig konnten Sie handeln?
Wie viel Verantwortung hatten Sie?
Welche Fähigkeiten konnten Sie einsetzen?
Manchmal liegt ein Hinweis auf die Zukunft in einer Erfahrung aus der Vergangenheit.
5. Was möchte ich definitiv nicht mehr?
Auch Ausschlusskriterien sind wertvolle Informationen.
Vielleicht lautet Ihre Liste:
Keine Nachtschichten.
Keine schwere körperliche Arbeit.
Nicht mehr zwei Stunden täglich pendeln.
Keine reine Bildschirmarbeit.
Keine Führungsverantwortung.
Nicht mehr jedes Wochenende arbeiten.
Keine ständig wechselnden Arbeitszeiten.
Das ist keine negative Betrachtung.
Sie definieren damit Rahmenbedingungen.
Versuchen Sie anschließend, aus jedem „Nicht mehr“ eine positive Aussage zu machen.
Aus:
„Keine ständig wechselnden Schichten mehr.“
wird:
„Ich suche möglichst verlässliche Arbeitszeiten.“
Aus:
„Ich möchte nicht mehr ausschließlich allein arbeiten.“
wird:
„Regelmäßiger Kontakt mit Kollegen oder Kunden ist mir wichtig.“
Damit wird aus Ablehnung Orientierung.
6. Was würde ich ausprobieren, wenn ich mich noch nicht entscheiden müsste?
Berufliche Entscheidungen wirken manchmal deshalb so schwer, weil wir glauben, sofort eine endgültige Entscheidung treffen zu müssen.
Versuchen Sie deshalb eine andere Perspektive:
Sie müssen sich heute nicht entscheiden.
Sie sollen lediglich drei Möglichkeiten auswählen, die Sie interessant genug finden, um mehr darüber zu erfahren.
Was würden Sie sich anschauen?
Vielleicht ein anderes Tätigkeitsfeld.
Eine Weiterbildung.
Einen Quereinstieg.
Eine frühere berufliche Idee.
Eine Teilzeittätigkeit.
Eine Selbstständigkeit.
Oder einen Beruf, über den Sie bisher kaum etwas wissen.
Schreiben Sie drei Möglichkeiten auf.
Danach lautet die Frage nicht:
„Welche davon nehme ich?“
Sondern:
„Wie könnte ich mehr darüber erfahren?“
Zum Beispiel durch:
- Stellenanzeigen
- Gespräche mit Menschen aus diesem Tätigkeitsfeld
- Berufsinformationen
- eine Betriebsbesichtigung
- eine Informationsveranstaltung
- ein Praktikum oder eine Hospitation
- Beratung
- einen Weiterbildungsträger
Aus einer großen Entscheidung wird dadurch zunächst eine Rechercheaufgabe.
Das nimmt Druck heraus.
7. Was ist der kleinste sinnvolle nächste Schritt?
Jetzt kommt die vielleicht wichtigste Frage.
Nicht:
„Wie löse ich meine gesamte berufliche Zukunft?“
Sondern:
„Was kann ich als Nächstes konkret tun?“
Ein sinnvoller nächster Schritt könnte sein:
eine interessante Stellenanzeige speichern,
den Lebenslauf heraussuchen,
einen Bekannten nach seinem Beruf fragen,
einen Beratungstermin vereinbaren,
eine Weiterbildung recherchieren,
die Arbeitsagentur kontaktieren,
drei interessante Tätigkeitsfelder notieren,
eine Bewerbung abschicken
oder einfach eine Stunde dafür reservieren, die bisherigen Antworten noch einmal durchzugehen.
Der Schritt sollte möglichst konkret sein.
Statt:
„Ich kümmere mich um meine berufliche Zukunft.“
besser:
„Am Donnerstagabend suche ich 30 Minuten nach Stellenanzeigen für zwei Tätigkeitsfelder, die mich interessieren.“
Das lässt sich umsetzen.
Und jetzt?
Wenn Sie die sieben Fragen beantwortet haben, schauen Sie nicht nur auf einzelne Antworten.
Suchen Sie nach Mustern.
Tauchen bestimmte Begriffe mehrfach auf?
Vielleicht schreiben Sie mehrmals:
„Menschen“.
„Ruhe“.
„Abwechslung“.
„Sicherheit“.
„Selbstständig arbeiten“.
„Teilzeit“.
„Praktisch“.
„Verantwortung“.
„Kreativ“.
Solche Wiederholungen können Hinweise darauf geben, welche Bedingungen für Ihre nächste berufliche Aufgabe wichtig sein könnten.
Versuchen Sie anschließend drei Überschriften zu bilden:
Das möchte ich behalten
Was funktioniert bereits und soll auch künftig Teil Ihrer Arbeit sein?
Das möchte ich verändern
Was passt heute nicht mehr?
Das möchte ich untersuchen
Welche Möglichkeiten sind interessant genug, um sie genauer anzuschauen?
Damit haben Sie noch keinen fertigen Berufsplan.
Aber Sie haben etwas anderes:
eine erste berufliche Standortbestimmung.
Eine gute Frage muss nicht sofort eine Antwort liefern
Manchmal wird von Beratung erwartet, möglichst schnell Antworten zu geben.
„Machen Sie diese Weiterbildung.“
„Bewerben Sie sich dort.“
„Dieser Beruf passt zu Ihnen.“
Ich halte einen anderen Weg häufig für nachhaltiger.
Eine gute Frage kann dazu führen, dass jemand Zusammenhänge erkennt, die vorher nicht sichtbar waren.
Aus:
„Ich weiß nicht, was ich machen soll.“
kann beispielsweise werden:
„Ich möchte weiterhin mit Menschen arbeiten, aber nicht mehr im Schichtdienst und nicht mehr körperlich schwer. Teilzeit wäre für mich ideal. Jetzt möchte ich herausfinden, welche Tätigkeiten dazu passen.“
Das Problem ist damit noch nicht vollständig gelöst.
Aber die Ausgangslage hat sich verändert.
Und genau darin kann der Wert einer guten Frage liegen.
Die Antworten dürfen sich verändern
Diese sieben Fragen sind kein Test.
Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten.
Und was heute wichtig erscheint, kann in einem Jahr anders aussehen.
Berufliche Orientierung ist deshalb nicht immer eine einmalige Entscheidung.
Sie kann ein Prozess sein.
Manchmal brauchen wir eine neue Antwort.
Und manchmal brauchen wir zunächst nur eine bessere Frage.
Sie möchten Ihre Antworten gemeinsam weiterentwickeln?
Wenn aus ersten Gedanken konkrete berufliche Möglichkeiten werden sollen, können wir Ihre Erfahrungen, Kompetenzen, Interessen und Rahmenbedingungen gemeinsam genauer betrachten.
Daraus können wir mögliche Tätigkeitsfelder entwickeln und anschließend überprüfen, welche davon tatsächlich zu Ihnen und zum Arbeitsmarkt passen.
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Thomas Saar-Knepper
Systemisches Coaching · Berufliche Beratung · Persönliche Begleitung
