Ich weiß, was ich nicht mehr will – aber nicht, was stattdessen kommen soll

Warum berufliche Orientierung nicht mit einer fertigen Antwort beginnen muss

Manchmal ist erstaunlich klar, was nicht mehr passt.

Der Beruf macht keine Freude mehr. Die Arbeitsbedingungen kosten zunehmend Kraft. Der Gedanke, noch viele Jahre genau so weiterzumachen, fühlt sich wenig attraktiv an. Vielleicht hat sich auch das eigene Leben verändert – und das, was vor zehn oder zwanzig Jahren gut gepasst hat, passt heute einfach nicht mehr.

Auf die Frage, was stattdessen kommen soll, fehlt jedoch die Antwort.

„Ich weiß ziemlich genau, was ich nicht mehr will. Aber ich habe keine Ahnung, was ich stattdessen machen könnte.“

Das klingt zunächst nach Orientierungslosigkeit. Tatsächlich steckt darin bereits eine ganze Menge Orientierung.

Zu wissen, was nicht mehr passt, ist ein Anfang

Bei einer beruflichen Neuorientierung entsteht schnell der Eindruck, man müsse möglichst früh ein konkretes Ziel benennen können:

Welcher Beruf soll es werden?
Welche Stelle suche ich?
Welche Weiterbildung brauche ich?
Wo möchte ich mich bewerben?

Doch manchmal kommen diese Fragen zu früh.

Wer über längere Zeit unzufrieden mit seiner beruflichen Situation war, hat häufig zunächst etwas anderes herausgefunden: unter welchen Bedingungen er nicht mehr arbeiten möchte.

Das können beispielsweise sein:

  • dauernder Zeitdruck,
  • wechselnde Arbeitszeiten,
  • körperlich belastende Tätigkeiten,
  • fehlende Wertschätzung,
  • wenig Gestaltungsspielraum,
  • ständiger Kundenkontakt,
  • zu viel oder zu wenig Verantwortung,
  • lange Arbeitswege,
  • fehlende Entwicklungsmöglichkeiten,
  • ein Arbeitsumfeld, das nicht mehr zur eigenen Lebenssituation passt.

Diese Erkenntnisse sind keine bloße Negativliste. Sie liefern wichtige Informationen darüber, was künftig anders sein sollte.

Aus „nicht mehr“ kann ein „stattdessen“ entstehen

Eine hilfreiche Frage lautet deshalb nicht sofort:

„Was möchte ich beruflich werden?“

Interessanter können zunächst andere Fragen sein:

Was genau möchte ich nicht mehr?
Was daran belastet mich besonders?
Was müsste anders sein, damit Arbeit wieder besser zu meinem Leben passt?
Was möchte ich aus meiner bisherigen Tätigkeit unbedingt behalten?
Was kann ich gut, obwohl ich es vielleicht nicht mehr in genau diesem Beruf einsetzen möchte?

Aus „Ich möchte nicht mehr ständig unter Zeitdruck arbeiten“ kann beispielsweise der Wunsch nach besser planbaren Arbeitsabläufen entstehen.

Aus „Ich möchte nicht mehr den ganzen Tag körperlich arbeiten“ wird möglicherweise die Suche nach einer Tätigkeit, in der Erfahrung und Fachwissen stärker gefragt sind als körperliche Belastbarkeit.

Und aus „Ich möchte nicht mehr jeden Tag dasselbe machen“ kann sich der Wunsch nach mehr Abwechslung, Verantwortung oder Gestaltungsspielraum entwickeln.

Damit verändert sich die Fragestellung.

Es geht nicht mehr nur darum, von etwas wegzukommen, sondern zunehmend darum, herauszufinden, wohin die Entwicklung gehen könnte.

Der bisherige Beruf ist nicht die Summe der eigenen Fähigkeiten

Gerade nach vielen Berufsjahren passiert etwas Interessantes: Beruf und Fähigkeiten werden leicht miteinander verwechselt.

Wer beispielsweise zwanzig Jahre in einem bestimmten Beruf gearbeitet hat, beschreibt sich häufig mit genau dieser Berufsbezeichnung.

Dabei steckt in diesen zwanzig Jahren sehr viel mehr.

Vielleicht musste man:

  • mit sehr unterschiedlichen Menschen umgehen,
  • Konflikte lösen,
  • Abläufe organisieren,
  • Prioritäten setzen,
  • neue Kolleginnen und Kollegen einarbeiten,
  • improvisieren,
  • Verantwortung übernehmen,
  • Kunden beraten,
  • Termine koordinieren,
  • dokumentieren,
  • unter Zeitdruck Entscheidungen treffen,
  • selbstständig Probleme lösen.

Das sind Kompetenzen, die nicht ausschließlich zu einem einzigen Beruf gehören.

Bei einer Neuorientierung lohnt sich deshalb die Frage:

Welche meiner Fähigkeiten möchte ich weiter nutzen – nur vielleicht in einem anderen Zusammenhang?

Das eröffnet häufig mehr Möglichkeiten als die reine Suche nach ähnlichen Stellenangeboten.

Nicht alles muss verändert werden

Berufliche Neuorientierung wird manchmal mit einem vollständigen Neustart gleichgesetzt.

Doch Veränderung muss nicht bedeuten, alles Bisherige hinter sich zu lassen.

Vielleicht ist der Beruf grundsätzlich noch passend, aber der Arbeitgeber nicht.

Vielleicht stimmt die Tätigkeit, aber nicht mehr der zeitliche Umfang.

Vielleicht sind bestimmte Aufgaben weiterhin interessant, während andere zunehmend belasten.

Oder die bisherige Erfahrung könnte in einem angrenzenden Tätigkeitsfeld eingesetzt werden.

Deshalb kann eine wichtige Zwischenfrage lauten:

Was soll sich verändern – und was soll ausdrücklich bleiben?

Das ist häufig leichter zu beantworten als die große Frage nach dem nächsten Beruf.

Eine kleine Übung zur beruflichen Standortbestimmung

Wer gerade an diesem Punkt steht, kann drei Listen anlegen.

1. Das möchte ich nicht mehr

Hier darf zunächst alles stehen, was an der bisherigen beruflichen Situation nicht mehr passen soll.

Nicht bewerten. Erst einmal sammeln.

2. Das möchte ich behalten

Welche Aspekte der bisherigen Arbeit waren gut?

Das können Tätigkeiten sein, aber auch Arbeitsbedingungen: Kontakt zu Menschen, Selbstständigkeit, Teamarbeit, feste Arbeitszeiten, Bewegung, Verantwortung, Sicherheit oder ein bestimmtes Maß an Routine.

3. Davon hätte ich künftig gerne mehr

Hier wird es besonders interessant.

Mehr Ruhe?
Mehr Verantwortung?
Mehr Kontakt zu Menschen?
Mehr Selbstständigkeit?
Mehr Sicherheit?
Mehr Abwechslung?
Mehr Sinn?
Mehr Einkommen?
Mehr Zeit außerhalb der Arbeit?

Anschließend lohnt sich ein Blick auf alle drei Listen zusammen.

Noch immer muss daraus keine konkrete Berufsbezeichnung entstehen.

Aber möglicherweise wird bereits deutlich, welche Bedingungen eine zukünftige Tätigkeit erfüllen sollte.

Und dann kommt die Realität dazu

Eine berufliche Veränderung findet natürlich nicht im luftleeren Raum statt.

Qualifikationen, Einkommen, Arbeitsmarkt, Alter, Mobilität, Arbeitszeit, familiäre Verpflichtungen und manchmal auch gesundheitliche Belastungsgrenzen spielen eine Rolle.

Deshalb reicht es nicht, nur zu fragen:

„Was würde ich gerne machen?“

Ebenso wichtig ist:

„Was davon ist unter meinen gegenwärtigen Bedingungen realistisch – und was müsste geschehen, damit eine andere Möglichkeit realistisch wird?“

Vielleicht braucht es keine neue Ausbildung, sondern eine gezielte Weiterbildung.

Vielleicht ist ein Quereinstieg möglich.

Vielleicht gibt es Tätigkeitsfelder, die man bisher überhaupt nicht betrachtet hat.

Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass eine vermeintlich attraktive Alternative bei genauerem Hinsehen gar nicht zu den eigenen Anforderungen passt.

Auch das ist ein gutes Ergebnis.

Denn berufliche Orientierung bedeutet nicht, möglichst viele Möglichkeiten zu finden. Es geht darum, passende Möglichkeiten besser von unpassenden unterscheiden zu können.

Nicht die perfekte Antwort suchen

Eine weitere Falle bei der Neuorientierung ist die Suche nach dem einen Beruf, bei dem anschließend alles stimmt.

Den gibt es meistens nicht.

Jede berufliche Entscheidung bringt Vorteile, Nachteile und Kompromisse mit sich.

Eine interessante Tätigkeit kann beispielsweise weniger Sicherheit bieten. Eine sichere Stelle kann weniger Gestaltungsspielraum haben. Eine Weiterbildung kann neue Möglichkeiten eröffnen, verlangt aber zunächst Zeit und Energie.

Deshalb kann eine realistischere Frage lauten:

Welche Möglichkeit passt unter meinen jetzigen Bedingungen gut genug zu mir, um sie genauer zu prüfen?

Das nimmt der Entscheidung etwas von ihrer Endgültigkeit.

Der nächste Schritt muss nicht bereits die Lösung für die nächsten zwanzig Jahre sein.

Manchmal braucht es zunächst Klarheit statt Bewerbungen

Wer noch nicht weiß, wohin die berufliche Reise gehen soll, muss nicht sofort Stellenanzeigen durchsuchen und Bewerbungen verschicken.

Manchmal ist der sinnvollere erste Schritt eine Standortbestimmung:

Was ist gerade eigentlich los?
Was soll sich verändern?
Was soll bleiben?
Welche Erfahrungen und Fähigkeiten bringe ich mit?
Welche Rahmenbedingungen sind wichtig?
Welche Möglichkeiten könnte ich prüfen?

Aus diesen Fragen können erste Optionen entstehen.

Dann lassen sie sich recherchieren, vergleichen und auf ihre Realisierbarkeit überprüfen.

Und aus mehreren Möglichkeiten kann irgendwann ein nächster Schritt werden.

Nicht unbedingt der perfekte.

Aber einer, der zur gegenwärtigen Situation passt.


Vielleicht kennen Sie diese Situation?

Sie wissen ziemlich genau, dass sich beruflich etwas verändern soll – aber noch nicht, wohin die Reise gehen könnte.

Das ist ein sinnvoller Ausgangspunkt für berufliche Orientierung oder systemisches Coaching.

Gemeinsam können wir Ihre Situation sortieren, bisherige Erfahrungen und Ressourcen betrachten, Anforderungen an eine zukünftige Tätigkeit herausarbeiten und mögliche nächste Schritte entwickeln.

Sie müssen zum ersten Gespräch noch keine fertige Lösung mitbringen.

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