Berufliche Neuorientierung nach vielen Berufsjahren
„Was kann ich eigentlich noch machen?“
Diese Frage klingt zunächst einfach.
In der Beratung steckt dahinter jedoch häufig sehr viel mehr.
Vielleicht hat jemand zwanzig oder dreißig Jahre im gleichen Beruf gearbeitet. Vielleicht ist die bisherige Tätigkeit körperlich zu anstrengend geworden. Vielleicht haben sich familiäre Rahmenbedingungen verändert. Vielleicht ist nach längerer Arbeitslosigkeit der Wiedereinstieg schwierig.
Oder es gibt gar keinen konkreten äußeren Anlass.
Nur das Gefühl:
Ich möchte beruflich nicht einfach so weitermachen wie bisher.
Dann beginnt berufliche Neuorientierung.
Und zwar nicht zwangsläufig mit einer Stellenanzeige.
Mit 50 beginnt man nicht bei null
Gerade Menschen mit langer Berufserfahrung unterschätzen manchmal, was sie tatsächlich mitbringen.
Wer beispielsweise zwanzig Jahre in einer Klinikreinigung gearbeitet hat, hat nicht einfach nur „gereinigt“.
Möglicherweise gehören dazu auch:
- selbstständiges Arbeiten
- Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit
- Arbeiten nach klaren Qualitätsstandards
- Hygienevorschriften
- Umgang mit unterschiedlichen Berufsgruppen
- Kommunikation mit Patienten oder Kunden
- Zeitmanagement
- Belastbarkeit
- Arbeiten im Team
- Verantwortung für bestimmte Bereiche
- Umgang mit unerwarteten Situationen
Das sind Kompetenzen.
Sie stehen nur nicht immer ausdrücklich im Lebenslauf.
Eine berufliche Neuorientierung beginnt deshalb häufig damit, die eigene berufliche Vergangenheit noch einmal mit einem anderen Blick zu betrachten.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Was habe ich gemacht?
Mindestens ebenso wichtig ist:
Was davon möchte ich weiterhin machen?
Vielleicht arbeitet jemand gerne mit Menschen, möchte aber nicht mehr im Verkauf tätig sein.
Vielleicht war die Tätigkeit im Büro grundsätzlich passend, der permanente Zeitdruck jedoch nicht.
Vielleicht möchte jemand weiterhin praktisch arbeiten, kann aber körperlich schwere Tätigkeiten nicht mehr ausüben.
Oder jemand möchte nach vielen Jahren Vollzeit künftig nur noch 25 oder 30 Stunden arbeiten.
Das verändert die Suche.
Deshalb gehören für mich zu einer beruflichen Standortbestimmung mindestens drei Perspektiven:
Was bringe ich mit?
Erfahrungen, Kompetenzen, Qualifikationen und persönliche Stärken.
Was möchte ich?
Interessen, Tätigkeiten, Arbeitsumfeld und persönliche Ziele.
Was ist realistisch möglich?
Arbeitsmarkt, Arbeitszeit, Mobilität, gesundheitliche oder familiäre Rahmenbedingungen und gegebenenfalls notwendige Weiterbildung.
Erst dort, wo sich diese drei Bereiche überschneiden, entstehen wirklich interessante berufliche Möglichkeiten.
Auch zu wissen, was man nicht mehr möchte, ist wertvoll
In Beratungsgesprächen höre ich häufig:
„Ich weiß nicht, was ich machen möchte.“
Meine nächste Frage könnte dann sein:
„Wissen Sie denn, was Sie nicht mehr machen möchten?“
Darauf gibt es erstaunlich oft eine sehr konkrete Antwort.
Keine Nachtschichten mehr.
Nicht mehr ausschließlich sitzen.
Nicht mehr den ganzen Tag körperlich arbeiten.
Keine Personalverantwortung mehr.
Mehr Kontakt mit Menschen.
Weniger Kontakt mit Menschen.
Nicht mehr zwei Stunden täglich pendeln.
Keine Vollzeitstelle mehr.
Das klingt zunächst wie eine Liste von Einschränkungen.
Tatsächlich entstehen daraus aber Kriterien für eine neue berufliche Perspektive.
Aus einem unbestimmten „Ich weiß nicht, was ich machen soll“ wird Schritt für Schritt ein klareres Bild.
Quereinstieg bedeutet nicht, die bisherige Erfahrung wegzuwerfen
Ein Berufswechsel wird manchmal so betrachtet, als müsse man noch einmal ganz von vorne anfangen.
Das stimmt häufig nicht.
Interessanter ist die Frage:
Welche meiner bisherigen Erfahrungen lassen sich in ein anderes Tätigkeitsfeld übertragen?
Eine langjährige Verkäuferin bringt beispielsweise Kundenkommunikation und Konflikterfahrung mit.
Ein Handwerker möglicherweise Organisation, Problemlösung und technisches Verständnis.
Eine Reinigungskraft aus einem Krankenhaus kennt Arbeitsabläufe, Hygieneanforderungen und den Umgang mit Menschen in besonderen Situationen.
Eine ehemalige Erzieherin bringt möglicherweise auch nach vielen Jahren außerhalb ihres ursprünglichen Berufs soziale und kommunikative Kompetenzen mit.
Die Berufsbezeichnung verändert sich.
Viele Kompetenzen bleiben.
Weiterbildung kann sinnvoll sein – aber nicht als Selbstzweck
Bei einer beruflichen Neuorientierung taucht schnell die Frage nach Weiterbildung auf.
Auch hier lohnt sich zunächst ein genauerer Blick.
Eine Weiterbildung ist besonders sinnvoll, wenn klar ist:
Welches berufliche Ziel soll damit erreicht werden?
Welche konkrete Qualifikation fehlt dafür?
Wird diese Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich verlangt?
Passt die Weiterbildung zu den persönlichen Voraussetzungen?
Erst danach sollte die Frage kommen, welcher Kurs oder welcher Anbieter infrage kommt.
Nicht jede Weiterbildung verbessert automatisch die beruflichen Chancen.
Eine Weiterbildung sollte möglichst eine Brücke zwischen vorhandener Erfahrung und einem realistischen beruflichen Ziel sein.
Und dann kommt der Arbeitsmarkt
Berufliche Orientierung darf nicht ausschließlich im Gespräch stattfinden.
Irgendwann müssen die Ideen mit der Realität abgeglichen werden.
Gibt es entsprechende Stellen?
Welche Anforderungen stellen Arbeitgeber?
Welche Arbeitszeiten werden angeboten?
Wie weit wäre der Arbeitsweg?
Welche Qualifikationen werden tatsächlich verlangt?
Und nicht zuletzt:
Wie fühlt sich eine konkrete Stellenanzeige an?
Manchmal verändert sich eine berufliche Idee sehr schnell, wenn aus einem abstrakten Berufsbild eine konkrete Tätigkeit wird.
Deshalb kann Stellenrecherche bereits Teil der beruflichen Orientierung sein – lange bevor die erste Bewerbung geschrieben wird.
Erst danach kommt die Bewerbung
Wenn eine Richtung erkennbar wird, können Lebenslauf und Bewerbung darauf abgestimmt werden.
Dann verändert sich auch die Perspektive auf den Lebenslauf.
Er lautet nicht mehr:
„Das habe ich alles irgendwann einmal gemacht.“
Sondern:
„Das davon ist für meine nächste berufliche Aufgabe relevant.“
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Eine gute Bewerbung erzählt deshalb keine erfundene Erfolgsgeschichte.
Sie macht nachvollziehbar, warum bisherige Erfahrungen, heutige Motivation und eine neue berufliche Aufgabe zusammenpassen können.
Vielleicht lautet die bessere Frage also nicht: Was kann ich noch machen?
Sondern:
Was bringe ich bereits mit?
Was möchte ich davon weiterhin nutzen?
Was soll sich verändern?
Welche Bedingungen brauche ich heute?
Welche Möglichkeiten gibt es tatsächlich?
Und schließlich:
Welchen dieser Wege möchte ich als Nächstes genauer untersuchen?
Berufliche Neuorientierung muss nicht damit beginnen, bereits den neuen Beruf zu kennen.
Sie kann damit beginnen, die eigene Situation genauer zu verstehen.
Aus Möglichkeiten werden dann Optionen.
Aus Optionen können Entscheidungen entstehen.
Und aus einer Entscheidung wird irgendwann ein nächster konkreter Schritt.
Sie denken über eine berufliche Veränderung nach?
In einer beruflichen Standortbestimmung können wir gemeinsam Ihre Erfahrungen, Kompetenzen, Interessen und heutigen Rahmenbedingungen betrachten und daraus mögliche berufliche Richtungen entwickeln.
Dabei muss das Ergebnis nicht bereits vor dem ersten Gespräch feststehen.
Genau dafür ist die Beratung da.
[Kostenfreies Erstgespräch vereinbaren]
Thomas Saar-Knepper
Systemisches Coaching · Berufliche Beratung · Persönliche Begleitung
