Kürzlich habe ich auf LinkedIn eine kleine Beobachtung geteilt: Ich erhalte dort in letzter Zeit regelmäßig Einladungen zu Spielen und Rätseln. Als systemischer Coach gehe ich stets davon aus, dass jedes Verhalten in seinem jeweiligen Kontext einen Sinn ergibt – ich war mir nur nicht ganz sicher, welchen Sinn diese Spiele für mein berufliches Netzwerk haben sollten.
Meine Intervention war denkbar unspektakulär: Ich spiele nicht mit.
Nicht aus mangelnder Wertschätzung, sondern weil ich meine Zeit und Aufmerksamkeit lieber auf echte Begegnungen, fachlichen Austausch und tragfähige Perspektiven richte. Systemisch betrachtet ist das Abgrenzen eine ganz grundlegende Form gelungener Kommunikation: Erwartungen klären, Grenzen benennen und Unterschiede akzeptieren.
Was im digitalen Netzwerk ein harmloses Schmunzeln auslöst, berührt im Berufsleben ab 50 oft einen existenziellen Nerv: Bei welchen Spielen spielen wir eigentlich noch mit – und warum?
Das Hamsterrad der fremden Spielregeln
Wer 25 oder 30 Jahre Berufserfahrung im Gepäck hat, kennt die unterschiedlichsten Spielarten des Arbeitsmarkts:
- Das Spiel der ständigen Selbstoptimierung, bei dem jeder flüchtige Trend mitgemacht werden muss.
- Die unausgesprochenen Spielregeln im Bewerbungsprozess, bei denen Erfahrung plötzlich als „überqualifiziert“ umgedeutet wird.
- In der Selbstständigkeit: das Getriebensein, jedes Angebot anzunehmen, Preise zu rechtfertigen und sich im digitalen Grundrauschen zu verzetteln, anstatt das eigene Profil scharf zu stellen.
In der Lebensphase 50+ stellen viele Menschen fest, dass die Energie für solche Nebenschauplätze schlicht zu schade ist. Die Frage lautet nicht mehr: „Wie passe ich mich an jedes Spiel an?“, sondern: „Passt dieses Spiel überhaupt noch zu meiner Lebensphase, meinen Werten und meinen Zielen?“
Nicht-Mitspielen als systemische Intervention
In der Systemtheorie gilt ein einfacher Grundsatz: Man kann nicht nicht entscheiden. Auch das Verharren oder das stumme Erdulden von unpassenden Rahmenbedingungen ist eine Entscheidung.
Zu sagen: „Ich spiele hier nicht mehr mit“, ist keine Resignation. Im Gegenteil:
- Fokus statt Verzettelung: Wer aufhört, auf fremde Erwartungen zu reagieren, gewinnt Raum für die eigenen Stärken.
- Souveränität durch Klarheit: Grenzen zu setzen signalisiert Professionalität und Standfestigkeit – im Angestelltenverhältnis ebenso wie gegenüber Kunden.
- Ressourcenschonung: Mit 50+ geht es selten darum, das Rad neu zu erfinden. Es geht darum, das Vorhandene strukturiert, tragfähig und wirtschaftlich sinnvoll auszurichten.
Was das für das Coaching 50+ bedeutet
In meiner Beratung – ob bei der beruflichen Neuorientierung oder bei der Konsolidierung einer Selbstständigkeit – geht es selten um theoretische Patentrezepte. Wir schauen uns die reale Ausgangslage an:
- Sortieren: Welche Anforderungen von außen sind wirklich relevant – und was ist nur zeitraubendes Beiwerk?
- Klären: Welche Kompetenzen, Werte und Erfahrungen tragen Sie durch die kommenden Jahre?
- Handeln: Welche nächsten, machbaren Schritte bringen Stabilität und Ruhe in den Alltag?
Manchmal ist der mutigste und wirksamste nächste Schritt ganz unspektakulär: Eine Grenze zu ziehen, ein klares „Nein“ auszusprechen und sich auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt.
Ganz ohne Spiele. Aber mit klarer Richtung.
Haben Sie das Gefühl, dass es Zeit für eine Bestandsaufnahme ist? Ob berufliche Neuorientierung, der Umgang mit Institutionen oder die Frage, wie Sie selbstständig, aber strukturiert & tragfähig bleiben: Lassen Sie uns in einem Erstgespräch klären, was zu Ihrer heutigen Situation passt.
